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Full text of "Coudenhove Kalergi, Richard N. Adel; Verlag Der Neue Geist, Leipzig 1922,"

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3S 



R. N. COUDENHOVE- K ALERGI 



ADEL 




LEIPZIG 1922 



VERLAG DER NEUE GEIST / DR. PETER REINHOLD 



Richard N. Coudenhove-Kalergi • Adel 



ADEL 



VON 



RICHARD NIKOLAUS COUDENHOVE-KALERGI 




LEIPZIG 1922 
VERLAG DER NEUE GEIST / DR. PETER REINHOLD 



Copyright 1922 
by Neuer Geist Verlag 



Drude von W. Drug-ulin in Leipzig 



Inhaltsübersicht. 



Seite 

Vorbehalt 4 

Erster Teil: 
Vom rustikalen und Urbanen Menschen. 

1. Landmensch — Stadtmensch 7 

2. Junker — Literat 9 

3. Gentleman — Bohemien 12 

4. Inzucht — Kreuzung 15 



5. Heidnische und christliche Mentalität . . 18 

Zweiter Teil: 
Krise des Adels. 

6. Geistesherrschaft statt Schwertherrschaft . 25 



7. Adelsdämmerung 27 

8. Plutokratie . 31 

9. Blutadel und Zukunftsadel 35 

10. Judentum und Zukunftsadel 39 

Ausblick 43 



Vorbehalt. 



Jedes Schema ist ein Zwitter aus Wahrheit und Unwahrheit: 
während es Wesentliches trifft, vergewaltigt es Unwesentliches. 
Die Natur kennt keine reinen, keine abgeschlossenen Formen und 
Typen: nur Ubergänge und Annäherungen. Natur und Kunst sind 
lebendig — Begriff und Wissenschaft tot. Jedes Schematisieren 
von Natürlichem sucht Lebendiges durch Totes, Organisches durch 
Mechanisches, Wandelbares durch Starres adäquat auszudrücken: 
dies kann stets nur beiläufig, nie vollständig glücken. 

Die folgenden Einteilungen und Verallgemeinerungen gründen 
sich auf ästhetische, nicht auf mathematische Wahrheit. — 



Erster Teil: 

Vom rustikalen und Urbanen Menschen. 



1. Landmensch — Stadtmensch. 

Land und Stadt sind die beiden Pole menschlichen Daseins. 
Land und Stadt zeugen ihre besonderen Menschentypen: den 
rustikalen und Urbanen Menschen. — 

Rustikalmensch und Urbanmensch sind psychologisch Antipoden. 
Bauern verschiedenster Gegenden gleichen einander seelisch oft 
mehr, als den Städtern der benachbarten Großstadt. Zwischen 
Land und Land, zwischen Stadt und Stadt liegt der Raum — 
zwischen Stadt und Land die Zeit. Unter den europäischen Rustikal- 
menschen leben Vertreter aller Zeitalter: von der Steinzeit bis zum 
Mittelalter; während nur die Weltstädte des Abendlandes, die den 
extremsten Urbantypus hervorgebracht haben, Repräsentanten neu- 
zeitlicher Zivilisation sind. So trennen Jahrhunderte, oft Jahrtausende 
eine Großstadt vom flachen Lande, das sie umgibt. 

Der Urbanmensch denkt anders, urteilt anders, empfindet anders, 
handelt anders als der Rustikalmensch. Das Großstadtleben ist 
abstrakt, mechanisch, rational — das Landleben konkret, organisch, 
irrational. Der Städter ist rationalistisch, skeptisch, ungläubig — 
der Landmann emotionalistisch, gläubig, abergläubisch. 

Alles Denken und Fühlen des Landmannes kristallisiert sich um 
die Natur, er lebt in Symbiose mit dem Tier, dem lebendigen 
Geschöpf Gottes, ist verwachsen mit seiner Landschaft, abhängig 
von Wetter und Jahreszeit. Kristallisationspunkt der Urbanen Seele 
hingegen ist die Gesellschaft; sie lebt in Symbiose mit der 
Maschine, dem toten Geschöpf des Menschen; durch sie macht 
sich der Stadtmensch möglichst unabhängig von Zeit und Raum, 
von Jahreszeit und Klima. 

Der Landmensch glaubt an die Gewalt der Natur über den 
Menschen — der Stadtmensch glaubt an die Gewalt des Menschen 
über die Natur. Der Rustikalmensch ist Naturprodukt, der Urban- 
mensch Sozialprodukt; der eine sieht Zweck, Maß und Gipfel der 
Welt im Kosmos, der andere in der Menschheit. 

Der Rustikalmensch ist konservativ, wie die Natur — der 
Urbanmensch fortschrittlich, wie die Gesellschaft. Aller Fort- 



7 



schritt überhaupt geht von Städten und Städtern aus. Der Stadt- 
mensch selbst ist meist das Produkt einer Revolution innerhalb eines 
ländlichen Geschlechtes, das mit seiner rustikalen Tradition brach, 
in die Großstadt zog und dort ein Leben auf neuer Basis begann. — 
Die Großstadt raubt ihren Bewohnern den Genuß der Natur- 
schönheit; als Entschädigung bietet sie ihnen Kunst. Theater, 
Konzerte, Galerien sind Surrogate für die ewigen und wechselnden 
Schönheiten der Landschaft. Nach einem Tagwerk voll Häßlichkeit 
bieten jene Kunstinstitute dem Städter Schönheit in konzentrierter 
Form. Auf dem Lande sind sie leicht entbehrlich. — Natur ist 
die extensive, Kunst die intensive Erscheinungsform der 
Schönheit. 

Das Verhältnis des Urbanmenschen zur Natur, die ihm fehlt, 
wird von der Sehnsucht beherrscht; während die Natur dem 
Rustikalmenschen stete Erfüllung ist. Daher empfindet sie der 
Städter vorwiegend romantisch, der Landmensch klassisch. — 

Die soziale (christliche) Moral ist ein urbanes Phänomen; denn 
sie ist eine Funktion des menschlichen Zusammenlebens, der Ge- 
sellschaft. Der typische Städter verbindet christliche Moral mit 
irreligiöser Skepsis, rationalistischem Materialismus und mecha- 
nistischem Atheismus. Die Weltanschauung, die daraus resultiert, 
ist die des Sozialismus: die moderne Großstadtreligion. 

Für den rustikalen Barbaren Europas ist das Christentum kaum 
mehr als eine Neuauflage des Heidentums mit veränderter Mytho- 
logie und neuem Aberglauben; seine wahre Religion ist Glaube 
an die Natur, an die Kraft, an das Schicksal. — 

Stadt- und Landmensch kennen einander nicht; darum mißtrauen 
und mißverstehen sie einander und leben in verhüllter oder offener 
Feindschaft. Es gibt vielerlei Schlagworte, unter denen sich diese 
elementare Gegnerschaft verbirgt: Rote und Grüne Internationale; 
Industrialismus und Agrariertum; Fortschritt und Reaktion ; Judentum 
und Antisemitismus. 

Alle Städte schöpfen ihre Kräfte aus dem Lande; alles Land 
schöpft seine Kultur aus der Stadt. Das Land ist der Boden, aus 
dem die Städte sich erneuern; ist die Quelle, die sie speist; die 
Wurzel, aus der sie blühen. Städte wachsen und sterben: das 
Land ist ewig. — 



8 



2. Junker — Literat. 

Blüte des Rustikalmenschen ist der Landadelige, der Junker. 
Blüte des Urbanmenschen ist der Intellektuelle, der Literat. — 

Land und Stadt haben beide ihren spezifischen Adelstypus 
gezeugt: Willensadel steht gegen Geistesadel, Blutadel gegen 
Hirnadel. Der typische Junker verbindet ein Maximum an 
Charakter mit einem Minimum an Intellekt — der typische 
Literat ein Maximum an Intellekt mit einem Minimum an 
Charakter. 

Nicht immer und überall mangelte es dem Landadel an Geist, 
dem Stadtadel an Charakter: wie im England der Neuzeit war im 
Deutschland der Minnesängerzeit der Blutadel ein hervorragendes 
Kulturelement; während andererseits der katholische Geistesadel 
der Jesuiten und der chinesische Geistesadel der Mandarinen in 
ihrer Blütezeit ebensoviel Charakter wie Geist bewiesen. 

Im Junker und Literaten gipfeln die Gegensätze des rustikalen 
und Urbanen Menschen. Typischer Beruf der Junkerkaste ist der 
Offiziersberuf; typischer Beruf der Literatenkaste der Journalisten- 
beruf. — 

Der Junker- Offizier blieb, psychisch wie geistig, auf der Stufe 
des Ritters stehen. Hart gegen sich und andere, pflichttreu, energisch, 
standhaft, konservativ und beschränkt, lebt er in einer Welt 
dynastischer, militaristischer, nationaler und sozialer Vorurteile. 
Mit einem tiefen Mißtrauen gegen alles Moderne, gegen Großstadt, 
Demokratie, Sozialismus, Internationalismus verbindet er einen 
ebenso tiefen Glauben an sein Blut, seine Ehre und die Welt- 
anschauung seiner Väter. Er verachtet den Städter, vor allem den 
jüdischen Literaten und Journalisten. 

Der Literat eilt seiner Zeit voran ; vorurteilsfrei vertritt er moderne 
Ideen in Politik, Kunst, Wirtschaft. Er ist fortschrittlich, skeptisch, 
geistreich, vielseitig, wandelbar; ist Eudämonist, Rationalist, Sozialist, 
Materialist. Er überschätzt den Geist, unterschätzt Körper und 
Charakter: und verachtet daher den Junker als rückständigen 
Barbaren. 



9 



Wesen des Junkers ist Starrheit des Willens — Wesen des 
Literaten ist Beweglichkeit des Geistes. — 

Junker und Literat sind geborene Rivalen und Gegner: wo die 
Junkerkaste herrscht, muß Geist der Gewalt weichen; in solchen 
reaktionären Zeiten ist der politische Einfluß der Intellektuellen 
ausgeschaltet oder mindestens eingeschränkt. Herrscht die Literaten- 
kaste, muß die Gewalt dem Geiste weichen: Demokratie siegt 
über Feudalismus, Sozialismus über Militarismus. 

Der Haß der Willensaristokratie und der Geistesaristokratie 
Deutschlands gegeneinander wurzelt im Mißverstehen. Jede sieht 
nur die Schattenseiten der anderen und ist blind gegen deren 
Vorzüge. Die Psyche des Junkers, des Rustikalmenschen, bleibt 
hochstehenden Literaten ewig verschlossen; während fast allen 
Junkern die Seele des Intellektuellen, des Urbanmenschen, fremd 
bleibt. Statt von dem anderen zu lernen, blickt der jüngste Leutnant 
mit Geringschätzung auf die führenden Geister moderner Literatur 
herab, während der letzte Winkeljournalist für hervorragende Offiziere 
nur überlegene Verachtung empfindet. Durch dieses doppelte Miß- 
verstehen fremder Mentalität hat erst das militaristische Deutsch- 
land die Widerstandskraft der Urbanen Massen gegen den Krieg 
unterschätzt, dann das revolutionäre Deutschland die Widerstands- 
kraft der rustikalen Massen gegen die Revolution. Die Führer 
des Landes verkannten die Psyche der Stadt und ihre Neigung 
zum Pazifismus — die Führer der Städte verkannten die Psyche 
des Landvolkes und ihre Neigung zur Reaktion: so hat Deutsch- 
land erst den Krieg verloren, dann die Revolution. — 

Die Gegensätzlichkeit des Junkers und des Literaten ist darin 
begründet, daß diese beiden Typen Extreme, nicht Gipfelpunkte 
von Blut- und Geistesadel sind. Denn die höchste Erscheinungs- 
form des Blutadels ist der Grand-seigneur, des Geistesadels 
das Genie. Diese beiden Aristokratien sind nicht nur vereinbar: 
sie sind verwandt. Cäsar, die Vollendung des Grand-seigneur, 
war der genialste Römer; Goethe, der Gipfel an Genialität, war 
von allen deutschen Dichtern am meisten Grand-seigneur. Hier 
wie überall entfernen sich die Mittelstufen am stärksten, während 
die Gipfel sich berühren. — 

Der vollendete Aristokrat ist zugleich Aristokrat des Willens 
und des Geistes, aber weder Junker noch Literat. Er verbindet 



10 



Weitblick mit Willensstärke, Urteilskraft mit Tatkraft, Geist mit 
Charakter. Fehlen solche synthetische Persönlichkeiten, so sollten 
die divergierenden Aristokratien des Willens und des Geistes ein- 
ander ergänzen, statt bekämpfen. In Ägypten, Indien, Chaldäa 
herrschten einst Priester und Könige (Intellektuelle und Krieger) 
gemeinsam. Die Priester beugten sich vor der Kraft des Willens, 
die Könige vor der Kraft des Geistes: Hirne wiesen die Ziele, 
Arme bahnten die Wege. — 



11 



3. Gentleman — Bohemien. 



Blut- und Geistesadel Europas schufen sich ihre spezifischen 
Typen: Englands Blutadel den Gentleman; Frankreichs Geistes- 
adel den Bohemien. 

Gentleman und Bohemien begegnen sich im Bestreben, der öden 
Häßlichkeit spießbürgerlichen Daseins zu entfliehen: der Gentleman 
überwindet sie durch Stil, der Bohemien durch Temperament. 
Der Gentleman setzt der Formlosigkeit des Lebens Form — der 
Bohemien der Farblosigkeit des Lebens Farbe entgegen. 

Der Gentleman bringt in die Unordnung menschlicher Beziehungen 
Ordnung — der Bohemien in deren Unfreiheit Freiheit. 

Die Schönheit des Gentleman-Ideales beruht auf Form, Stil, 
Harmonie: sie ist statisch, klassisch, apollinisch. Die Schön- 
heit des Bohemien-Ideales beruht auf Temperament, Freiheit, Vitalität : 
sie ist dynamisch, romantisch, dionysisch. 

Der Gentleman idealisiert und stilisiert seinen Reichtum — der 
Bohemien idealisiert und stilisiert seine Armut. 

Der Gentleman ist auf Tradition gestellt, der Bohemien auf 
Protest: das Wesen des Gentleman ist konservativ — das Wesen 
des Bohemien revolutionär. Mutter des Gentleman-Ideales ist Eng- 
land, das konservativste Land Europas — Wiege der Boheme ist 
Frankreich, das revolutionärste Land Europas. 

Das Gentleman-Ideal ist die Lebensform einer Kaste — das 
Boheme-Ideal Lebensform von Persönlichkeiten. 

Das Gentleman-Ideal weist jenseits von England zurück zur 
römischen Stoa — das Boheme-Ideal weist jenseits von Frankreich 
zurück auf die griechische Agora. Die römischen Staatsmänner 
näherten sich dem Gentlemantypus, die griechischen Philosophen 
dem Bohemientypus: Cäsar und Seneca waren Gentlemen, 
Sokrates und Diogenes Bohemiens. 

Der Schwerpunkt des Gentleman liegt im Physisch-Psychischen — 
des Bohemien im Geistigen: der Gentleman darf Dummkopf, der 
Bohemien darf Verbrecher sein. 



12 



Beide Ideale sind menschliche Kristallisationsphänomene: wie 
der Kristall nur in unstarrer Umgebung sich bilden kann, so ver- 
danken jene beiden Ideale ihr Dasein der englischen und fran- 
zösischen Freiheit. — 

Im kaiserlichen Deutschland fehlte diese Atmosphäre zur 
Persönlichkeitskristallisation: daher konnte es kein ebenbürtiges 
Ideal entwickeln. Zum Gentleman fehlte dem Deutschen der Stil, 
zum Bohemien das Temperament, zu beiden Grazie und Ge- 
schmeidigkeit. 

Da er in seiner Wirklichkeit keine ihm angemessene Lebensform 
fand, suchte der Deutsche in seiner Dichtung nach idealen Ver- 
körperungen deutschen Wesens: und fand als physisch-psychisches 
Ideal den jungen Siegfried, als geistiges Ideal den alten Faust. 

Beide Ideale waren romantisch-unzeitgemäß: in der Verzerrung 
der Wirklichkeit erstarrte das romantische Siegfried - Ideal zum 
preußischen Offizier, zum Leutnant — das romantische Faust- 
Ideal zum deutschen Gelehrten, zum Professor. 

An die Stelle organischer Ideale traten mechanische: der Offizier 
repräsentiert die Mechanisierung des Psychischen: den erstarrten 
Siegfried; der Professor die Mechanisierung des Geistigen: den 
erstarrten Faust. 

Auf keine seiner Klassen war das Wilhelminische Deutschland 
stolzer als auf seine Offiziere und Professoren. In ihnen sah es 
die Blüte der Nation, wie England in seinen politischen Führern, 
die romanischen Völker in ihren Künstlern. — 

Will das deutsche Volk Höherentwicklung, so muß es seine 
Ideale revidieren: seine Tatkraft muß die militärische Einseitigkeit 
sprengen und sich weiten zu politisch- menschlicher Vielseitigkeit; 
sein Geist muß die reinwissenschaftliche Enge sprengen und sich 
weiten zur Synthese des Dichter-Denkers. 

Das 19. Jahrhundert hat dem deutschen Volke zwei Männer 
größten Stiles geschenkt, die diese Forderungen höheren Deutsch- 
tums verkörperten: Bismarck, den Heros der Tat; Goethe, den 
Heros des Geistes. 

Bismarck erneuert, vertieft und belebt das kitschig gewordene 
Siegfried-Ideal — Goethe erneuert, vertieft und belebt das ver- 
staubte Faust-Ideal. 



13 



Bismarck hatte die guten Eigenschaften des deutschen Offiziers 
— ohne dessen Fehler; Goethe hatte die guten Eigenschaften des 
deutschen Gelehrten — ohne dessen Fehler. In Bismarck über- 
windet die Überlegenheit des Staatsmannes die Beschränktheit des 
Offiziers — in Goethe überwindet die Überlegenheit des Dichter- 
Denkers die Beschränktheit des Gelehrten : in beiden das organische 
Persönlichkeitsideal das Mechanische, der Mensch die Marionette. 

Durch seine vorbildliche Persönlichkeit hat Bismarck mehr für 
die Entwicklung des Deutschtums getan, als durch seine Reichs- 
gründung; durch sein olympisches Dasein hat Goethe das deutsche 
Volk reicher beschenkt als durch seinen Faust: denn Faust ist, 
wie Goetz, Werther, Meister und Tasso, nur ein Fragment von 
Goethes Menschentum. 

Deutschland sollte sich aber hüten, seine beiden lebendigen 
Vorbilder zu verkitschen und herabzuziehen: aus Bismarck einen 
Feldwebel, aus Goethe einen Schulmeister zu machen. 

An der Nachfolge dieser beiden Gipfel deutschen Menschentums 
könnte Deutschland wachsen und gesunden; von ihnen kann es 
tätige und beschauliche Größe lernen, Tatkraft und Weisheit. Denn 
Bismarck und Goethe sind die beiden Brennpunkte, um die sich 
ein neuer deutscher Lebensstil bilden könnte, der den westlichen 
Idealen ebenbürtig wäre. — 



14 



4. Inzucht — Kreuzung. 



Meist ist der Rustikalmensch Inzuchtprodukt, der Urbanmensch 
Mischling. — 

Eltern und Voreltern des Bauern stammen gewöhnlich aus der 
gleichen, dünnbevölkerten Gegend; des Adeligen aus derselben 
dünnen Oberschicht. In beiden Fällen sind die Vorfahren unter- 
einander blutsverwandt und daher meist physisch, psychisch, geistig 
einander ähnlich. Infolgedessen vererben sie ihre gemeinsamen 
Züge, Willenstendenzen, Leidenschaften, Vorurteile, Hemmungen 
in gesteigertem Grade auf ihre Kinder und Nachkommen. Die 
Wesenszüge, die sich aus dieser Inzucht ergeben, sind: Treue, 
Pietät, Familiensinn, Kastengeist, Beständigkeit, Starrsinn, Energie, 
Beschränktheit; Macht der Vorurteile, Mangel an Objektivität, Enge 
des Horizontes. Hier ist eine Generation nicht Variation der vor- 
hergehenden, sondern einfach deren Wiederholung: an die Stelle 
von Entwicklung tritt Erhaltung. 

In der Großstadt begegnen sich Völker, Rassen, Stände. In 
der Regel ist der Urbanmensch Mischling aus verschiedensten 
sozialen und nationalen Elementen. In ihm heben sich die entgegen- 
gesetzten Charaktereigenschaften, Vorurteile, Hemmungen, Willens- 
tendenzen und Weltanschauungen seiner Eltern und Voreltern auf 
oder schwächen einander wenigstens ab. Die Folge ist, daß Misch- 
linge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungslosigkeit, Willens- 
schwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosigkeit und Treulosigkeit mit 
Objektivität, Vielseitigkeit, geistiger Regsamkeit, Freiheit von Vor- 
urteilen und Weite des Horizontes verbinden. Mischlinge unter- 
scheiden sich stets von ihren Eltern und Voreltern; jede Generation 
ist eine Variation der vorhergehenden, entweder im Sinne der 
Evolution oder der Degeneration. — 

Der Inzuchtmensch ist Einseelenmensch — der Mischling 
Mehrseelenmensch. In jedem Individuum leben seine Ahnen 
fort als Elemente seiner Seele: gleichen sie einander, so ist sie 
einheitlich, einförmig; streben sie auseinander, so ist der Mensch 
vielfältig, kompliziert, differenziert. 



15 



Die Größe eines Geistes liegt in seiner Extensität, das ist in 
seiner Fähigkeit, alles zu erfassen und zu umfassen; die Größe 
eines Charakters liegt in seiner Intensität, das ist in seiner Fähigkeit, 
stark, konzentriert und beständig zu wollen. So sind, in gewissem 
Sinne, Weisheit und Tatkraft Widersprüche. 

Je ausgesprochener die Fähigkeit und Neigung eines Menschen, 
die Dinge als Weiser von allen Seiten zu sehen und sich vor- 
urteilsfrei auf jeden Standpunkt zu stellen — desto schwächer ist 
meist sein Willensimpuls, nach einer bestimmten Richtung hin 
unbedenklich zu handeln: denn jedem Motiv stellen sich Gegen- 
motive entgegen, jedem Glauben Skepsis, jeder Tat die Einsicht 
in ihre kosmische Bedeutungslosigkeit. 

Tatkräftig kann nur der beschränkte, der einseitige Mensch sein. 
Es gibt aber nicht bloß eine unbewußte, naive: es gibt auch eine 
bewußte, heroische Beschränktheit. Der heroisch Beschränkte 
— und zu diesem Typus zählen alle wahrhaft großen Tatmenschen — 
schaltet zeitweise freiwillig alle Seiten seines Wesens aus, bis auf 
die eine, die seine Tat bestimmt. Objektiv, kritisch, skeptisch, 
überlegen kann er vor oder nach seiner Tat sein: während der 
Tat ist er subjektiv, gläubig, einseitig, ungerecht. 

Weisheit hemmt Tatkraft — Tatkraft verleugnet Weis- 
heit. Der stärkste Wille ist wirkungslos, wenn er richtungs- 
los ist; auch ein schwacher Wille löst stärkste Wirkung 
aus, wenn er einseitig ist. 

Es gibt kein Leben der Tat ohne Unrecht, Irrtum, Schuld: wer 
sich scheut, dieses Odium zu tragen, der bleibe im Reiche des 
Gedankens, der Beschaulichkeit, der Passivität. — Wahrhafte 
Menschen sind immer schweigsam: denn jede Behauptung ist, in 
gewissem Sinne, Lüge; herzensreine Menschen sind immer inaktiv: 
denn jede Tat ist, in gewissem Sinne, Unrecht. Tapferer aber ist 
es, zu reden, auf die Gefahr hin, zu lügen; zu handeln, auf die 
Gefahr hin, Unrecht zu tun. — 

Inzucht stärkt den Charakter, schwächt den Geist — 
Kreuzung schwächt den Charakter, stärkt den Geist. Wo 
Inzucht und Kreuzung unter glücklichen Auspizien zusammentreffen, 
zeugen sie den höchsten Menschentypus, der stärksten Charakter 
mit schärfstem Geist verbindet. Wo unter unglücklichen Auspizien 



16 



Inzucht und Mischung sich begegnen, schaffen sie Degenerations- 
typen mit schwachem Charakter, stumpfem Geist. 

Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen 
Rassen und Kasten werden der zunehmenden Uberwindung von 
Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch- 
negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, 
wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlich- 
keiten ersetzen. Dehn, nach den Vererbungsgesetzen, wächst mit 
der Verschiedenheit der Vorfahren die Verschiedenheit, mit der 
Einförmigkeit der Vorfahren die Einförmigkeit der Nachkommen. 
In Inzuchtfamilien gleicht ein Kind dem anderen: denn alle re- 
präsentieren den einen, gemeinsamen Familientypus. In Mischlings- 
familien unterscheiden sich die Kinder stärker voneinander: jedes 
bildet eine neuartige Variation der divergierenden elterlichen und 
vorelterlichen Elemente. 

Inzucht schafft charakteristische Typen — Kreuzung 
schafft originelle Persönlichkeiten. 

Vorläufer des planetaren Menschen der Zukunft ist im modernen 
Europa der Russe als slavisch-tartarisch-f innischer Mischling; weil 
er, unter allen europäischen Völkern, am wenigsten Rasse hat, ist 
er der typische Mehrseelenmensch mit der weiten, reichen, all- 
umfassenden Seele. Sein stärkster Antipode ist der insulare Brite, 
der hochgezüchtete Einseelenmensch, dessen Kraft im Charakter, 
im Willen, im Einseitigen, Typischen liegt. Ihm verdankt das 
moderne Europa den geschlossensten, vollendetsten Typus: den 
Gentleman. — 



17 



5. Heidnische und christliche Mentalität. 



Zwei Seelenformen ringen um Weltherrschaft: Heidentum und 
Christentum. Mit den Konfessionen, die diese Namen tragen, haben 
jene Seelenformen nur sehr äußerliche Beziehungen. Wird der 
Schwerpunkt vom Dogmatischen ins Ethische, vom Mythologischen 
ins Psychologische verlegt, so wandelt sich Buddhismus in Ultra- 
Christentum, während Amerikanismus als modernisiertes Heidentum 
erscheint. Der Orient ist Hauptträger christlicher, der Okzident 
Hauptträger heidnischer Mentalität: die „heidnischen" Chinesen 
sind bessere Christen, als die „christlichen" Germanen. — 

Heidentum stellt Tatkraft, Christentum Liebe an die Spitze 
der ethischen Wertskala. Christliches Ideal ist der liebende Heilige, 
heidnisches Ideal der siegende Held. Christentum will den homo 
ferus in einen homo domesticus wandeln, das Raubtier Mensch in 
das Haustier Mensch — während Heidentum den Menschen zum 
Übermenschen umschaffen will. Christentum will Tiger zu 
Katzen zähmen — Heidentum Katzen zu Tigern steigern. 

Hauptverkünder modernen Christentums war Tolstoi; Haupt- 
verkünder modernen Heidentums Nietzsche. 

Die germanische Edda-Religion war reinstes Heidentum. Unter 
christlicher Maske lebte sie fort: im Mittelalter als ritterliche, in 
der Neuzeit als imperialistische und militaristische Weltanschauung. 
Offiziere, Junker, Kolonisatoren, Industriekapitäne sind die führenden 
Repräsentanten modernen Heidentums. Tatkraft, Tapferkeit, Größe, 
Freiheit, Macht, Ruhm und Ehre: das sind die Ideale des Heiden- 
tums; während Liebe, Milde, Demut, Mitleid und Selbstverleugnung 
christliche Ideale sind. 

Die Antithese: Heidentum-Christentum deckt sich weder mit der 
Antithese: Rustikalmensch - Urbanmensch, noch mit: Inzucht- 
Kreuzung. Zweifellos aber begünstigen Rustikalbarbarei und Inzucht 
die Entwicklung heidnischer, Urbanzivilisation und Mischung die 
Entwicklung christlicher Mentalität. — 

Allgemeingültiger heidnischer Individualismus ist nur in dünn- 
bevölkerten Erdstrichen möglich, wo der Einzelne sich behaupten 



18 



und rücksichtslos entfalten kann, ohne gleich in Gegensatz zu 
seinen Mitmenschen zu geraten. In übervölkerten Gegenden, wo 
Mensch an Mensch stößt, muß das sozialistische Prinzip gegen- 
seitiger Unterstützung das individualistische Prinzip des Daseins- 
kampfes ergänzen und, zum Teil* verdrängen. 

Christentum und Sozialismus sind internationale Großstadt- 
produkte. Das Christentum nahm als Weltreligion seinen Ausgang 
von der rasselosen Weltstadt Rom ; der Sozialismus von den national 
gemischten Industriestädten des Abendlandes. Beide Äußerungen 
christlicher Mentalität sind auf Internationalismus aufgebaut. Der 
Widerstand gegen das Christentum ging von der Landbevölkerung aus 
(pagani); so wie es auch heute das Landvolk ist, das der Verwirklichung 
sozialistischer Lebensform den stärksten Widerstand entgegenstellt. 

Immer waren dünnbevölkerte, nördliche Gegenden Zentren 
heidnischen Wollens, dichtbevölkerte südliche Gegenden Brut- 
stätten christlichen Fühlens. Wo heute vom Gegensatz östlichen 
und westlichen Seelenlebens die Rede ist, wird meistens darunter 
nichts verstanden, als jener Gegensatz zwischen Menschen des 
Südens und des Nordens. Der Japaner, als nördlichster Kultur- 
orientale, nähert sich vielfach dem Okzidentalen; während die 
Mentalität des Süditalieners und Südamerikaners orientalisch ist. 
Für die Zustände der Seele scheint der Breitegrad entscheidender 
zu sein, als der Längengrad. 

Nicht nur die geographische Lage: auch die historische Ent- 
wicklung wirkt bestimmend auf die Seelenform eines Volkes. Das 
chinesische wie das jüdische Volk empfinden deshalb christlicher 
als das germanische, weil ihre Kulturvergangenheit älter ist. Der 
Germane steht zeitlich dem Wilden näher als der Chinese, der 
Jude; diese beiden alten Kulturvölker konnten sich gründlicher 
von der heidnisch-natürlichen Lebensauffassung emanzipieren, weil sie 
mindestens drei Jahrtausende länger dazu Zeit hatten. — Heiden- 
tum ist ein Symptom kultureller Jugend — Christentum 
ein Symptom kulturellen Alters. — 

Drei Völker: Griechen, Römer, Juden haben, jedes auf seine 
Weise, die antike Kulturwelt erobert. Erst das ästhetisch -philo- 
sophische Volk der Griechen: im Hellenismus; dann das praktisch- 
politische Volk der Römer: im Imperium Romanum, schließlich 
das ethisch-religiöse Volk der Juden: im Christentum. 



19 



Das Christentum, ethisch von jüdischen Essenern (Johannes), 
geistig von jüdischen Alexandrinern (Philo) vorbereitet, war re- 
generiertes Judentum. Soweit Europa christlich ist, ist es (im 
ethisch-geistigen Sinne) jüdisch; soweit Europa moralisch ist, ist 
es jüdisch. Fast die ganze europäische Ethik wurzelt im 
Judentum. Alle Vorkämpfer einer religiösen oder irreligiösen 
christlichen Moral, von Augustinus bis Rousseau, Kant und Tolstoi, 
waren Wahljuden im geistigen Sinne; Nietzsche ist der einzige 
nicht-jüdische, der einzige heidnische Ethiker Europas. 

Die prominentesten und überzeugtesten Vertreter christlicher 
Ideen, die in ihrer modernen Wiedergeburt Pazifismus und Sozia- 
lismus heißen, sind Juden. 

Im Osten ist das chinesische Volk das ethische par excellence 
(im Gegensatz zu den ästhetisch - heroischen Japanern und den 
religiös-spekulativen Indern) — im Westen das jüdische. Gott war 
Staatsoberhaupt der alten Juden, ihr Sittengesetz bürgerliches 
Gesetzbuch, Sünde war Verbrechen. 

Der theokratischen Idee der Identifikation von Politik und 
Ethik ist das Judentum im Wandel der Jahrtausende treu geblieben: 
Christentum und Bolschewismus sind beides Versuche, ein 
Gottesreich zu errichten. Vor zwei Jahrtausenden waren die Ur- 
christen, nicht die Pharisäer und Sadduzäer, Erben und Erneuerer 
mosaischer Tradition; heute sind es weder die Zionisten noch die 
Christen, sondern die jüdischen Führer des Sozialismus: denn auch 
sie wollen, mit höchster Selbstverleugnung, die Erbsünde des 
Kapitalismus tilgen, die Menschen aus Unrecht, Gewalt und Knecht- 
schaft erlösen und die entsühnte Welt in ein irdisches Paradies 
wandeln. 

Diesen jüdischen Propheten der Gegenwart, die eine neue Welt- 
epoche vorbereiten, ist in allem das Ethische primär: in Politik, 
Religion, Philosophie und Kunst. Von Moses bis Weininger war 
Ethik Hauptproblem jüdischer Philosophie. In dieser ethischen 
Grundeinstellung zur Welt liegt eine Wurzel der einzigartigen 
Größe des jüdischen Volkes — zugleich aber die Gefahr, daß 
Juden, die ihren Glauben an die Ethik verlieren, zu zynischen 
Egoisten herabsinken: während Menschen anderer Mentalität auch 
nach Verlust ihrer ethischen Einstellung noch eine Fülle ritterlicher 



20 



Werte und Vorurteile (Ehrenmann, Gentleman, Kavalier etc.) übrig- 
behalten, die sie vor dem Sturz in das Werte- Chaos schützen. — 
Was die Juden von den Durchschnitts -Städtern hauptsächlich 
scheidet, ist, daß sie Inzuchtmenschen sind. Charakterstärke ver- 
bunden mit Geistesschärfe prädestiniert den Juden in seinen her- 
vorragendsten Exemplaren zum Führer urbaner Menschheit, zum 
falschen wie zum echten Geistesaristokraten, zum Protagonisten 
des Kapitalismus wie der Revolution. — 



21 



Zweiter Teil: 

Krise des Adels. 



6. Geistesherrschaft statt Schwertherrschaft. 



Unser demokratisches Zeitalter ist ein klägliches Zwischenspiel 
zwischen zwei großen aristokratischen Epochen: der feudalen 
Aristokratie des Schwertes und der sozialen Aristokratie 
des Geistes. Die Feudalaristokratie ist im Verfall, die Geistes- 
aristokratie im Werden. Die Zwischenzeit nennt sich demokratisch, 
wird aber in Wahrheit beherrscht von der Pseudo-Aristokratie des 
Geldes. — 

Im Mittelalter herrschte in Europa der rustikale Ritter über den 
Urbanen Bürger, heidnische Mentalität über christliche, Blutadel 
über Hirnadel. Die Überlegenheit des Ritters über den Bürger 
beruhte auf Körper- und Charakterstärke, auf Kraft und Mut. 

Zwei Erfindungen haben das Mittelalter bezwungen, die Neuzeit 
eröffnet: die Erfindung des Pulvers bedeutete das Ende der 
Ritterherrschaft, die Erfindung des Buchdrucks den Anbruch der 
Geistesherrschaft. Körperkraft und Mut verloren durch die Ein- 
führung der Feuerwaffe ihre ausschlaggebende Bedeutung im 
Daseinskampf: Geist wurde, im Ringen um Macht und Freiheit, 
zur entscheidenden Waffe. 

Der Buchdruck gab dem Geist ein Machtmittel von unbegrenzter 
Tragweite; rückte die schreibende Menschheit in den Mittelpunkt 
der lesenden und erhob so den Schriftsteller zum geistigen Führer 
der Massen. Gutenberg hat den Federn die Macht gegeben, 
die Schwarz den Schwertern genommen hatte. Mit Hilfe 
der Druckerschwärze hat Luther ein größeres Reich erobert als 
alle deutschen Kaiser. 

In der Epoche des aufgeklärten Despotismus gehorchten Herr- 
scher und Staatsmänner den Ideen, die von Denkern stammten. Die 
Schriftsteller jener Zeit bildeten eine geistige Aristokratie Europas. 
Der Sieg des Absolutismus über den Feudalismus bedeutete den 
ersten Sieg der Stadt über das Land und zugleich die erste Etappe 
im Siegeslauf des Geistesadels, im Sturz des Schwertadels. An 
die Stelle der mittelalterlichen Diktatur des Landes über die Stadt 
trat die neuzeitliche Diktatur der Stadt über das Land. 



25 



Mit der französischen Revolution, die mit den Privilegien des 
Blutadels brach, begann die zweite Epoche der Emanzipation des 
Geistes. Demokratie beruht auf der optimistischen Voraussetzung, 
ein geistiger Adel könne durch die Volksmehrheit erkannt und 
gewählt werden. 

Nun stehen wir an der Schwelle der dritten Epoche der Neuzeit: 
des Sozialismus. Auch er stützt sich auf die Urbane Klasse der 
Industriearbeiter, geführt von der geistigen Urban - Aristokratie 
revolutionärer Schriftsteller. — 

Der Einfluß des Blutadels sinkt, der Einfluß des Geistes- 
adels wächst. 

Diese Entwicklung, und damit das Chaos moderner Politik wird 
erst dann ein Ende finden, bis eine geistige Aristokratie die 
Machtmittel der Gesellschaft: Pulver, Gold, Druckerschwärze an 
sich reißt und zum Segen der Allgemeinheit verwendet. 

Eine entscheidende Etappe zu diesem Ziel bildet der russische 
Bolschewismus, wo eine kleine Schar kommunistischer Geistes- 
aristokraten das Land regiert und bewußt mit dem plutokratischen 
Demokratismus bricht, der heute die übrige Welt beherrscht. 

Plutokratie ist geistige Pseudo-Aristokratie. Auch Plutokratie 
war eine Etappe auf dem Wege vom Schwertadel zum Geistesadel. 
Plutokratie beruht, wie Geistesaristokratie, auf intellektueller Über- 
legenheit. Sie ist individualistischer Hirnadel, nicht sozialistischer 
Geistesadel. Sie ist Vorläuferin einer kommenden Herrschaftsform, 
deren Führer die Tatkraft und Intelligenz der Plutokraten verbinden 
mit sozialer Mentalität, Verantwortungsgefühl, Idealismus. 

Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus um das 
Erbe des besiegten Blutadels ist ein Bruderkrieg des siegreichen 
Hirnadels, ein Kampf zwischen individualistischem und sozia- 
listischem, egoistischem und altruistischem, heidnischem und christ- 
lichem Geist. Der Generalstab beider Parteien rekrutiert sich aus 
der geistigen Führerrasse Europas: dem Judentum. 

Kapitalismus und Kommunismus sind beide rationalistisch, beide 
mechanistisch, beide abstrakt, beide urban. 

Der Schwertadel hat endgültig ausgespielt. Die Wirkung des 
Geistes, die Macht des Geistes, der Glaube an den Geist, die 
Hoffnung auf den Geist wächst: und mit ihnen ein neuer Adel. 



26 



7. Adelsdämmerung. 

Im Verlaufe der Neuzeit wurde der Blutadel durch die 
Hof-Atmosphäre, der Geistesadel durch den Kapitalismus 
vergiftet. — 

Seit dem Ende der Ritterzeit befindet sich der Hochadel des 
kontinentalen Europa, mit spärlichen Ausnahmen, im Zustande 
progressiver Dekadenz. Durch seine Urbanisierung hat er seine 
körperlichen und seelischen Vorzüge verloren. 

Zur Zeit des Feudalismus war der Blutadel dazu berufen, sein 
Land gegen Angriffe des Feindes und Ubergriffe des Herrschers 
zu schützen. Der Edelmann war frei und selbstbewußt gegen 
Untergebene, Gleichgestellte, Höhergestellte; König auf seinem 
Landbesitz, konnte er nach ritterlichen Grundsätzen seine Persönlich- 
keit frei entfalten. 

Der Absolutismus änderte diese Situation: der oppositionelle 
Adel, der, frei, stolz und tapfer, auf seine historischen Rechte 
bestand, wurde, soweit es ging, ausgerottet; der Rest wurde an 
den Hof gezogen und dort in eine glänzende Knechtschaft gedrängt. 
Dieser Hofadel war unfrei, abhängig von den Launen des Herrschers 
und seiner Kamarilla; so mußte er seine besten Eigenschaften ver- 
lieren: Charakter, Freiheitsdrang, Stolz, Führerschaft. Um den 
Charakter und damit die Widerstandskraft des französischen Adels 
zu brechen, lockte ihn Ludwig XIV. nach Versailles; der großen 
Revolution blieb die Vollendung seines Werkes vorbehalten: sie 
hat dem Adel, der seine Vorzüge preisgegeben und verloren hatte, 
seine überlebten Vorrechte genommen. 

Nur in jenen Ländern Europas, wo der Adel, seiner ritterlichen 
Mission treu, Führer und Vorkämpfer der nationalen Opposition gegen 
monarchischen Despotismus und Fremdherrschaft blieb, erhielt sich 
ein adeliger Führertypus: in England, Ungarn, Polen, Italien. — 

Seit der Wandlung der europäischen Kultur aus einer ritterlich- 
rustikalen in eine bürgerlich-urbane blieb der Blutadel in geistig- 
kultureller Hinsicht hinter dem Bürgertum zurück. Krieg, Politik 
und die Verwaltung seiner Güter nahmen ihn so sehr in Anspruch, 



27 



daß seine geistigen Fähigkeiten und Interessen vielfach ver- 
kümmerten. 

Diese historischen Ursachen neuzeitlicher Adelsdämmerung wurden 
noch durch physiologische verstärkt: Alkohol und Lues untergruben 
die einstige physische Überlegenheit des Adels; dazu kamen noch 
die degenerativen Einflüsse übertriebener Inzucht, denen der eng- 
lische Adel durch häufige Mischung mit bürgerlichem Blute entging. 
An Stelle des harten, mittelalterlichen Kriegsdienstes brachte die 
Neuzeit dem Adel meist arbeitsloses Wohlleben ; aus dem bedrohtesten 
Stand wurde der Adel durch seinen Erbreichtum allmählich zum 
gesichertsten. Durch das Zusammenwirken all dieser Umstände 
verfiel der physische, psychische und geistige Typus 
einstigen Adels. — 

Der Hirnadel konnte den Blutadel nicht ablösen, weil auch er 
sich in einer Krise, in einem Verfallzustand befindet. Demokratie 
entstand aus Verlegenheit: nicht deshalb, weil die Menschen keinen 
Adel wollten, sondern deshalb, weil sie keinen Adel fanden. So- 
bald sich ein neuer, echter Adel konstituiert, wird Demokratie von 
selbst verschwinden. Weil England echten Adel besitzt, blieb es, 
trotz seiner demokratischen Verfassung, aristokratisch. — 

Der akademische Hirnadel Deutschlands, vor einem Jahr- 
hundert Führer der Opposition gegen Absolutismus und Feudalismus, 
Vorkämpfer moderner und freiheitlicher Ideen, ist heute zur Haupt- 
stütze der Reaktion, zum Hauptgegner geistiger und politischer 
Erneuerung herabgesunken. Dieser Pseudo-Geistesadel Deutschlands 
war im Kriege Anwalt des Militarismus, in der Revolution Ver- 
teidiger des Kapitalismus. Seine Leitworte: Nationalismus, Milita- 
rismus, Antisemitismus, Alkoholismus, sind zugleich die Losungs- 
worte im Kampfe wider den Geist. Ihre verantwortungsreiche 
Mission: den Feudaladel abzulösen und den Geistesadel vorzu- 
bereiten, hat die akademische Intelligenz verkannt, verleugnet, 
verraten. — 

Auch die publizistische Intelligenz hat ihre Führermission 
verraten. Sie, die berufen war, geistige Führerin und Lehrerin der 
Massen zu werden, zu ergänzen und zu verbessern, was ein rück- 
ständiges Schulsystem versäumt und verbrochen hat — erniedrigte 
sich in ihrer ungeheuren Mehrheit zur Sklavin des Kapitals, zur 
Verbildnerin des politischen und künstlerischen Geschmackes. Ihr 



28 



Charakter zerbrach unter dem Zwang - , statt eigener Überzeugunge.n 
fremde zu vertreten und zu verteidigen — ihr Geist verflachte 
durch die Überproduktion, zu der ihr Beruf sie zwingt. 

Wie der Rhetor der Antike, so steht der Journalist der Neuzeit 
im Zentrum der Staatsmaschine: er bewegt die Wähler, die Wähler 
die Abgeordneten, die Abgeordneten die Minister. So fällt dem 
Journalisten die höchste Verantwortung für alles politische Geschehen 
zu : und gerade er, als typischer Vertreter urbaner Charakter- 
losigkeit, fühlt sich meist von jeder Verpflichtung und Verant- 
wortung frei. 

Schule und Presse sind die beiden Punkte, von denen aus 
die Welt sich unblutig, ohne Gewalt erneuern und veredeln ließe. 
Die Schule nährt oder vergiftet die Seele des Kindes; 
die Presse nährt oder vergiftet die Seele des Erwachsenen. 
Schule und Presse sind heute beide in den Händen einer ungeistigen 
Intelligenz: sie in die Hände des Geistes zurückzulegen, wäre 
die höchste Aufgabe jeder idealen Politik, jeder idealen Revo- 
lution. — 

Die Herrscherdynastien Europas sind durch Inzucht herab- 
gekommen; die Plutokratendynastien durch Wohlleben. Der 
Blutadel verkam, weil er Diener der Monarchie wurde; 
der Geistesadel verkam, weil er Diener des Kapitals 
wurde. 

Beide Aristokratien hatten vergessen, daß mit jedem Vorzug, 
mit jeder Auszeichnung und Ausnahmestellung Verantwortung 
verknüpft ist. Sie haben den Wahlspruch alles wahren Adels 
verlernt: „Noblesse oblige!". Sie wollten die Früchte ihrer 
Vorzugsstellung genießen, ohne deren Pflichten zu tragen; fühlten 
sich als Herren und Vorgesetzte, nicht als Führer und Vorbilder 
ihrer Mitmenschen. Statt dem Volke neue Ziele zu weisen, neue 
Wege zu bahnen, ließen sie sich von Herrschern und Kapitalisten 
zu Werkzeugen ihrer Interessen mißbrauchen: um Wohlleben^ 
Ehrenstellen und Geld verkauften sie ihre Seelen, ihr Blut und 
ihr Hirn. — 

Der alte Adel des Blutes und des Hirnes hat den Anspruch 
verloren, weiter noch als Aristokratie zu gelten; denn es fehlen 
ihm die Zeichen allen echten Adels: Charakter, Freiheit, Verant- 
wortung. Die Fäden, die sie mit ihren Völkern verbanden, haben 



29 



sie zerschnitten: durch Standesdünkel auf der einen, Bildungs- 
dünkel auf der anderen Seite. 

Es liegt im Sinne historischer Nemesis, daß die große Sintflut, 
die von Rußland ihren Ausgang nimmt, auf blutigem oder un- 
blutigem Wege die Welt von den Usurpatoren reinigt, die ihre 
Vorzugsstellungen behaupten wollen, während sie längst deren 
einstige Voraussetzungen verloren haben. — 



30 



8. Plutokratie. 



Bei dem Tiefstand des Blut- und Geistesadels war es nicht zu 
verwundern, daß eine dritte Menschenklasse provisorisch die Macht 
an sich riß: die Plutokratie. 

Die Verfassungsform, die Feudalismus und Absolutismus ablöste, 
war demokratisch; die Herrschaftsform plutokratisch. Heute ist 
Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte 
Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht 
überlassen, während die faktische Macht in den Händen der Pluto- 
kraten ruht. In republikanischen wie in monarchischen Demokratien 
sind die Staatsmänner Marionetten, die Kapitalisten Drahtzieher: 
sie diktieren die Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch 
Ankauf der öffentlichen Meinung die Wähler, durch geschäftliche 
und gesellschaftliche Beziehungen die Minister. — 

An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die pluto- 
kratische getreten : nicht mehr die Geburt ist maßgebend für die 
soziale Stellung, sondern das Einkommen. Die Plutokratie von 
heute ist mächtiger als die Aristokratie von gestern: denn niemand 
steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfers' 
helfer ist. 

Als es noch wahren Blutadel gab, war das System der Geburts- 
aristokratie gerechter als heute das der Geldaristokratie: denn 
damals hatte die herrschende Kaste Verantwortungsgefühl, Kultur, 
Tradition — während die Klasse, die heute herrscht, alles Ver- 
antwortungsgefühles, aller Kultur und Tradition bar ist. Vereinzelte 
Ausnahmen ändern nichts an dieser Tatsache. 

Während die Weltanschauung des Feudalismus heroisch-religiös 
war, kennt die plutokratische Gesellschaft keine höheren Werte 
als Geld und Wohlleben: die Geltung eines Menschen wird taxiert 
nach dem, was er hat, nicht nach dem, was er ist. — 

Dennoch bilden die Führer der Plutokratie in gewissem 
Sinne eine Aristokratie, eine Auslese: denn zur Erraffung 
großer Vermögen sind eine Reihe hervorragender Eigenschaften 
nötig: Tatkraft, Umsicht, Klugheit, Besonnenheit, Geistesgegenwart, 



31 



Initiative, Verwegenheit und Großzügigkeit. Durch diese Vorzüge 
legitimieren sich die erfolgreichen Großunternehmer als moderne 
Eroberernaturen, deren überlegene Willens- und Geisteskraft ihnen 
über die Masse minderwertiger Konkurrenten den Sieg brachte. — 
Diese Ueberlegenheit der Plutokraten gilt jedoch nur innerhalb 
der erwerbenden Menschenklasse — sie verschwindet sofort, wenn 
jene hervorragenden Geldverdiener gemessen werden an den her- 
vorragenden Vertretern idealer Berufe. Es ist also gerecht, daß 
ein tüchtiger Industrieller oder Kaufmann materiell und sozial höher 
aufsteigt als seine untüchtigen Kollegen — ungerecht aber ist es* 
daß seine gesellschaftliche Macht und Geltung höher ist als die 
eines Künstlers, Gelehrten, Politikers, Schriftstellers, Lehrers, 
Richters, Arztes, der in seinem Berufe ebenso fähig ist, wie jener, 
dessen Fähigkeiten jedoch idealeren und sozialeren Zielen dienen: 
daß also das gegenwärtige Gesellschaftssystem die egoistisch- 
materialistische Mentalität prämiiert gegenüber einer altruistisch- 
idealen. 

In dieser Bevorzugung egoistischer Tüchtigkeit gegen- 
über altruistischer, materialistischer gegenüber idealistischer 
liegt das Grundübel der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur; 
während die wahren Aristokraten des Geistes und Herzens: die 
Weisen und die Gütigen, in Armut und Ohnmacht leben, usur- 
pieren egoistische Gewaltmenschen die Führerstellung, zu der jene 
berufen wären. 

So ist Plutokratie in energetischer und intellektueller Hinsicht 
Aristokratie — in ethischer und geistiger Beziehung Pseudo-Aristo- 
kratie; innerhalb der Erwerbsklassen Aristokratie — an idealeren 
Berufen gemessen Pseudo-Aristokratie. — 

Wie die Aristokratie des Blutes und des Geistes, so befindet 
sich auch die des Geldes gegenwärtig in einer Verfallsperiode. 
Die Söhne und Enkel jener großen Unternehmer, deren Wille, 
durch Not und Arbeit gestählt, sie aus dem Nichts zur Macht 
emporgeführt hatte, erschlaffen zumeist in Wohlleben und Un- 
tätigkeit. Nur selten vererbt sich die väterliche Tüchtigkeit oder 
sublimiert sich zu geistigerem und idealerem Schaffen. Den Pluto- 
kratengeschlechtern fehlt jene Tradition und Weltanschauung, jener 
konservativ-rustikale Geist, der einst die Adelsgeschlechter jahr- 
hundertelang vor Entartung bewahrt hatte. Schwächliche Epigonen 



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übernehmen das Machterbe ihrer Väter, ohne die Gaben des 
Willens und Verstandes, durch die es errafft worden war. Macht 
und Tüchtigkeit geraten in Widerspruch: und unterhöhlen so die 
innere Berechtigung des Kapitalismus. — 

Die historische Entwicklung hat diesen natürlichen Verfall be- 
schleunigt. Durch die Hochkonjunktur des Krieges emporgetragen, 
beginnt eine neue Schieber-Plutokratie die alte Unternehmer- 
Plutokratie zu zersetzen und zu verdrängen. Während mit der 
Bereicherung des Unternehmers der Volkswohlstand wächst, sinkt 
er mit der Bereicherung des Schiebers. Die Unternehmer sind 
Führer der Wirtschaft — die Schieber deren Parasiten: Unter- 
nehmertum ist produktiver — Schiebertum unproduktiver 
Kapitalismus. 

Die gegenwärtige Hochkonjunktur erleichtert skrupellosen, hem- 
mungslosen und gewissenlosen Menschen den Gelderwerb. Für 
Spekulations- und Schiebergewinne sind Glück und Rücksichts- 
losigkeit unentbehrlicher als hervorragende Willens- und Verstandes- 
gaben. So repräsentiert die moderne Schieber-Plutokratie eher 
eine Kakistokratie des Charakters als eine Aristokratie der 
Tüchtigkeit. Durch die zunehmende Verwischung der Grenzen 
zwischen Unternehmertum und Schiebertum wjrd der Kapitalismus 
vor dem Forum des Geistes und der Öffentlichkeit kompromittiert 
und herabgezogen. — 

Keine Aristokratie kann sich ohne moralische Autorität dauernd 
behaupten. Sobald die herrschende Klasse aufhört, Symbol ethischer 
und ästhetischer Werte zu sein, wird ihr Sturz unaufhaltsam. 

Die Plutokratie ist, an anderen Aristokratien gemessen, arm an 
ästhetischen Werten. Sie erfüllt die politischen Funktionen einer 
Aristokratie, ohne die Kulturwerte eines Adels zu bieten. Reich- 
tum ist aber nur im Kleide der Schönheit erträglich, nur 
als Träger einer ästhetischen Kultur gerechtfertigt. Indessen hüllt 
sich die neue Plutokratie in öde Geschmacklosigkeit und auf- 
dringliche Häßlichkeit: ihr Reichtum wird unfruchtbar und ab- 
stoßend. 

Die europäische Plutokratie vernachlässigt — im Gegensatz zur 
amerikanischen — ihre ethische Mission ebensosehr wie ihre 
ästhetische: soziale Wohltäter großen Stiles sind ebenso spärlich 
wie Mäzene. Statt ihren Daseinszweck im sozialen Kapitalismus 



33 



zu erblicken, in der Zusammenfassung des zersplitterten Volks- 
vermögens zu großzügigen Werken schöpferischer Humanität — 
fühlen sich die Plutokraten in ihrer erdrückenden Mehrheit be- 
rechtigt, ihr Wohlleben verantwortungslos auf Massenelend auf- 
zubauen. Statt Treuhändler der Menschheit sind sie Ausbeuter, 
statt Führer Irreführer. 

Durch diesen Mangel an ästhetischer und ethischer Kultur zieht 
sich die Plutokratie nicht nur den Haß, sondern auch die Ver- 
achtung der öffentlichen Meinung und ihrer geistigen Führer zu: 
da sie es nicht verstand, Adel zu werden, muß sie fallen. 

Die russische Revolution bedeutet für die plutokratische Geschichts- 
epoche den Anfang vom Ende. Selbst wenn Lenin unterliegt, wird 
sein Schatten ebenso das 20. Jahrhundert beherrschen, wie die 
französische Revolution trotz ihres Zusammenbruches die Entwicklung 
des 19. bestimmt hat: nie hätten im kontinentalen Europa Feuda- 
lismus und Absolutismus freiwillig abgedankt — wenn nicht aus 
Angst vor einer Wiederholung jakobinischen Terrors, vor dem 
Ende des französischen Adels und Königs. So wird es dem 
Damoklesschwert bolschewistischen Terrors schneller gelingen, die 
Herzen der Plutokraten zu erweichen und sozialen Forderungen 
zugänglich zu machen, als in zwei Jahrtausenden dem Evangelium 
Christi. 



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9. Blutadel und Zukunftsadel. 



Adel beruht auf körperlicher, seelischer, geistiger Schönheit; 
Schönheit auf vollendeter Harmonie und gesteigerter Vitalität: 
wer darin seine Mitwelt überragt, ist Aristokrat. — 

Der alte aristokratische Typus ist im Aussterben; der neue noch 
nicht konstituiert. Unsere Zwischenzeit ist bettelarm an großen 
Persönlichkeiten: an schönen Menschen; an edlen Menschen; an 
weisen Menschen. Indessen usurpieren Epigonen des versunkenen 
Adels die toten Formen einstiger Aristokratie und füllen sie mit 
dem Inhalt ihrer armseligen Bürgerlichkeit. Die starke Lebensfülle 
einstigen Adels ist auf Emporkömmlinge übergegangen: doch ihnen 
fehlen seine Formen, seine Vornehmheit, seine Schönheit. 

Dennoch braucht die Zeit an der Idee des Adels, an der Zukunft 
eines Adels nicht zu verzweifeln. Will die Menschheit vorwärts- 
schreiten, braucht sie Führer, Lehrer, Wegweiser; Erfüllungen dessen, 
was sie werden will; Vorläufer ihrer künftigen Erhebung in höhere 
Sphären. Ohne Adel keine Evolution. Eudämonistische Politik 
kann demokratisch — evolutionistische Politik muß aristo- 
kratisch sein. Um emporzusteigen, um vorwärtszuschreiten sind 
Ziele nötig; um Ziele zu erreichen, sind Menschen nötig, die Ziele 
setzen, zu Zielen führen: Aristokraten. 

Der Aristokrat als Führer ist ein politischer Begriff; der Adelige 
als Vorbild ist ein ästhetisches Ideal. Höchste Forderung verlangt, 
daß Aristokratie mit Adel, Führer mit Vorbild zusammenfällt: daß 
vollendeten Menschen die Führerschaft zufällt. — 

Von der europäischen Quantitätsmenschheit, die nur an die Zahl, 
die Masse glaubt, heben sich zwei Qualitätsrassen ab: Blut- 
adel und Judentum. Voneinander geschieden, halten sie beide 
fest am Glauben an ihre höhere Mission, an ihr besseres Blut, an 
menschliche Rangunterschiede. In diesen beiden heterogenen Vor- 
zugsrassen liegt der Kern des europäischen Zukunftsadels: im 
feudalen Blutadel, soweit er sich nicht vom Hofe; im jüdischen 
Hirnadel, soweit er sich nicht vom Kapital korrumpieren ließ. Als 
Bürgschaft einer besseren Zukunft bleibt ein kleiner Rest sittlich 



35 



hochstehenden Rustikaladels und eine kleine Kampfgruppe revo- 
lutionärer Intelligenz. Hier wächst die Gemeinschaft zwischen 
Lenin, dem Mann aus ländlichem Kleinadel, und Trotzki, dem 
jüdischen Literaten, zum Symbol: hier versöhnen sich die Gegen- 
sätze von Charakter und Geist, von Junker und Literat, von 
rustikalem und urbanem, heidnischem und christlichem Menschen 
zur schöpferischen Synthese revolutionärer Aristokratie. — 

Ein Schritt vorwärts im Geistigen würde genügen, um die besten 
Elemente des Blutadels, die auf dem Lande ihre physische und 
moralische Gesundheit vor den depravierenden Einflüssen der 
Hofluft bewahrt haben, in den Dienst der neuen Menschenbefreiung 
zu stellen. Denn zu dieser Stellungnahme prädestiniert sie ihr 
traditioneller Mut, ihre antibürgerliche und antikapitalistische Men- 
talität, ihr Verantwortungsgefühl, ihre Verachtung materiellen Vor- 
teils, ihr stoisches Willenstraining, ihre Integrität, ihr Idealismus. 
In geistigere und freiere Bahnen gelenkt, könnten sich die starken 
adeligen Energien, die bisher Stützen der Reaktion waren, zu 
neuer Blüte regenerieren und Führernaturen zeugen, die Un- 
beugsamkeit des Willens mit Seelengröße und Selbstlosigkeit ver- 
binden; und, statt als Exponenten des Bürgertums (das ihnen im 
Innersten zuwider ist) kapitalistischen Interessen zu dienen, in eine 
Reihe treten mit den Vertretern des verjüngten Geistesadels zur 
Befreiung und Veredelung der Menschheit. — 

Politik war in Europa durch Jahrhunderte Adelsprivileg. 
Der Hochadel bildete eine internationale politische Kaste, in der 
diplomatische Talente herangezüchtet wurden. Seit vielen Gene- 
rationen lebt der europäische Blutadel in einer politischen Atmo- 
sphäre, von der das Bürgertum mit Absicht ferngehalten wurde. 
Auf seinen Latifundien lernte der Adel die Kunst des Regierens, 
der Menschenbehandlung — auf den führenden Staatsposten des 
In- und Auslandes die Kunst der Völkerbehandlung. Politik ist 
Kunst, nicht Wissenschaft; ihr Schwerpunkt liegt mehr im Instinkt 
als im Verstände, mehr im Unterbewußten als im Bewußten. 
Politische Begabung läßt sich wecken und ausbilden, nie erlernen. 
Genie durchbricht alle Regeln: an politischen Talenten aber ist 
der Adel ungleich reicher als das Bürgertum. Denn, um Kenntnisse 
zu erwerben, genügt ein Einzelleben: um Instinkte zu züchten, 
bedarf es des Zusammenwirkens vieler Generationen. In den 



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Wissenschaften und schönen Künsten überragt das Bürgertum an 
Begabung den Adel: in der Politik ist das Verhältnis umgekehrt. 
Daher kommt es, daß auch die Demokratien Europas ihre Außen- 
politik vielfach Abkömmlingen ihres Hochadels anvertrauen, denn 
es liegt im Staatsinteresse, die Erbmasse an politischer Begabung, 
die der Adel im Laufe der Jahrhunderte aufgespeichert hat, der 
Allgemeinheit nutzbar zu machen. 

Die politischen Fähigkeiten des Hochadels sind nicht zuletzt auf 
seine starke Blutmischung zurückzuführen. Denn diese nationale 
Rassenmischung weitet vielfach seinen Horizont und paralysiert so 
die üblen Folgen gleichzeitiger Kasten-Inzucht. Die große Mehrheit 
minderwertiger Aristokraten verbindet die Nachteile der Mischung 
mit denen der Inzucht: Charakterlosigkeit mit Geistesarmut; während 
sich in den seltenen Höhepunkten modernen Hochadels die Vor- 
züge beider begegnen: Charakter mit Geist. — 

In intellektueller Hinsicht klafft heutzutage zwischen der äußersten 
Rechten (konservativem Blutadel) und der äußersten Linken (revo- 
lutionärem Geistesadel) eine gewaltige Niveaudifferenz, während 
im Charakter diese scheinbaren Extreme sich berühren. Es liegt 
aber alles Intellektuelle, Bewußte an der Oberfläche — alles 
Charakteristische, Unbewußte in der Tiefe der Persönlichkeit. Er- 
kenntnisse und Meinungen sind leichter zu bilden und umzubilden 
als Charaktereigenschaften und Willensrichtungen. 

Lenin und Ludendorff sind in ihren politischen Idealen 
Antagonisten: in ihrer Willenseinstellung Brüder. Wäre Ludendorff 
im revolutionären Milieu russischen Studententums aufgewachsen; 
hätte er, wie Lenin, in früher Jugend die Hinrichtung seines Bruders 
durch kaiserliche Henker erlebt: wir würden ihn, wahrscheinlich, 
an der Spitze des roten Rußland sehen. Während Lenin, in einer 
preußischen Kadettenschule großgezogen, vielleicht ein Uber- 
Ludendorff geworden wäre. Was diese beiden verwandten Naturen 
scheidet, ist ihr geistiges Niveau. Lenins Beschränktheit scheint 
heroisch-bewußt, Ludendorffs Beschränktheit naiv-unbewußt zu sein. 
Lenin ist nicht bloß Führer — er ist auch Geistiger; sozusagen 
ein vergeistigter Ludendorff. 

Die gleiche Parallele läßt sich ziehen zwischen zwei anderen 
Vertretern der äußersten Linken und Rechten: Friedrich Adler 
und Graf Arco. Beide waren Mörder aus Idealismus, Märtyrer 



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ihrer Überzeugung. Wäre Adler im militaristisch-reaktionären Milieu 
deutschen Blutadels, Arco im sozialistisch-revolutionären Milieu 
österreichischen Geistesadels aufgewachsen — so hätte, wahrschein- 
lich, die Kugel Arcos den Ministerpräsidenten Stürgk, die Kugel 
Adlers den Ministerpräsidenten Eisner getroffen. Denn auch sie 
sind Brüder, getrennt durch die Verschiedenheit anerzogener Vor- 
urteile, verbunden durch die Gemeinsamkeit heroisch-selbstlosen 
Charakters. Auch hier liegt der Unterschied im geistigen Niveau 
(Adler ist Geistesmensch), nicht in der Reinheit der Gesinnung. 
Wer den Charakter des Einen lobt, darf den des Anderen nicht 
herabsetzen — wie dies von beiden Seiten täglich geschieht. — 
Wo potenzierte Lebenskraft ist, da ist Zukunft. Die Blüte des 
Bauerntums, der Landadel, hat (soweit er sich gesund erhielt) in 
tausendjähriger Symbiose mit der lebendigen und lebenspendenden 
Natur eine Fülle vitaler Kräfte gesammelt und aufgespeichert. 
Gelingt es einer modernen Erziehung, einen Teil dieser gesteigerten 
Lebensenergien ins Geistige zu sublimieren: dann könnte, vielleicht, 
der Adel der Vergangenheit entscheidenden Anteil nehmen am 
Aufbau des Adels der Zukunft. — 



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10. Judentum und Zukunftsadel. 

Hauptträger des korrupten wie des integeren Hirnadels: des 
Kapitalismus, Journalismus und Literatentums, sind Juden. Die 
Überlegenheit ihres Geistes prädestiniert sie zu einem Haupt- 
faktor zukünftigen Adels. — 

Ein Blick in die Geschichte des jüdischen Volkes erklärt seinen 
Vorsprung im Kampf um die Menschheitsführung. Vor zwei Jahr- 
tausenden war das Judentum eine Religionsgemeinschaft, zusammen- 
gesetzt aus ethisch -religiös veranlagten Individuen aller Nationen 
des antiken Kulturkreises, mit einem national-hebräischen Mittel- 
punkt in Palästina. Damals war bereits das Gemeinsame, Ver- 
bindende und Primäre nicht die Nation, sondern die Religion. Im 
Laufe des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung traten in diese 
Glaubensgemeinschaft Proselyten aus allen Völkern ein, zuletzt 
König, Adel und Volk der mongolischen Chazaren, der Herren 
Südrußlands. Von da an erst schloß sich die jüdische Religions- 
gemeinschaft zu einer künstlichen Volksgemeinschaft zusammen 
und gegen alle übrigen Völker ab. 

Durch unsagbare Verfolgungen versucht seit einem Jahrtausend 
das christliche Europa das jüdische Volk auszurotten. Der Erfolg 
war, daß alle Juden, die willensschwach, skrupellos, opportunistisch 
oder skeptisch waren, sich taufen ließen, um dadurch den Qualen 
endloser Verfolgung zu entgehen. Andererseits gingen unter diesen 
vielfach erschwerten Lebensbedingungen alle Juden zugrunde, die 
nicht geschickt, klug und erfinderisch genug waren, den Daseins- 
kampf in dieser schwierigsten Form zu bestehen. 

So ging schließlich aus all diesen Verfolgungen eine kleine 
Gemeinschaft hervor, gestählt durch ein heldenmütig ertragenes 
Martyrium für die Idee und geläutert von allen Willensschwachen 
und geistesarmen Elementen. Statt das Judentum zu vernichten, 
hat es Europa wider Willen durch jenen künstlichen Ausleseprozeß 
veredelt und zur Führernation der Zukunft erzogen. Kein Wunder 
also, daß dieses Volk, dem Ghetto-Kerker entsprungen, sich zu 
einem geistigen Adel Europas entwickelt. So hat eine gütige Vor- 
sehung Europa in dem Augenblick, als der Feudaladel verfiel, 



39 



durch die Judenemanzipation eine neue Adelsrasse von Geistes 
Gnaden geschenkt. 

Der erste typische Repräsentant dieses werdenden Zukunftsadels 
war der revolutionäre Edeljude Lassalle, der in hohem Maße 
Schönheit des Körpers mit Edelmut des Charakters und Schärfe 
des Geistes vereinte: Aristokrat im höchsten und wahrsten Sinne 
des Wortes, war er ein geborener Führer und Wegweiser seiner 
Zeit. - 

Nicht: das Judentum ist der neue Adel; sondern: das Judentum 
ist der Schoß, aus dem ein neuer, geistiger Adel Europas hervor- 
geht. Eine geistig-urbane Herrenrasse ist in Bildung: Idealisten, 
geistvoll und feinnervig, gerecht und überzeugungstreu, tapfer wie 
der Feudaladel in seinen besten Tagen, die Tod und Verfolgung, 
Haß und Verachtung freudig auf sich nehmen, um die Menschheit 
sittlicher, geistiger, glücklicher zu machen. 

Die jüdischen Helden und Märtyrer der ost- und mitteleuropäischen 
Revolution stehen an Mut, Ausdauer und Idealismus den nicht- 
jüdischen Helden des Weltkrieges in nichts nach — während sie 
dieselben an Geist vielfach überragen. Das Wesen dieser Männer 
und Frauen, die es versuchen, die Menschheit zu erlösen und zu 
regenerieren, ist eine eigentümliche Synthese religiöser und politischer 
Elemente: von heroischem Märtyrertum und geistiger Propaganda, 
revolutionärer Tatkraft und sozialer Liebe, von Gerechtigkeit und 
Mitleid. Diese Wesenszüge, die sie einst zu Schöpfern der christ- 
lichen Weltbewegung gemacht haben, stellen sie heute an die 
Spitze der sozialistischen. 

Mit diesen beiden Erlösungsversuchen geistig-sittlichen Ursprunges 
hat das Judentum die enterbten Massen Europas reicher beschenkt, 
als irgendein zweites Volk. Wie denn auch das moderne Judentum 
•durch seinen Prozentsatz an bedeutenden Männern alle übrigen 
Völker weit übertrifft: kaum ein Jahrhundert nach seiner Befreiung 
steht dieses kleine Volk heute mit Einstein an der Spitze moderner 
Wissenschaft; mit Mahler an der Spitze moderner Musik; mit 
Bergson an der Spitze moderner Philosophie; mit Trotzki an der 
Spitze moderner Politik. Die prominente Stellung, die das Judentum 
heutzutage innehat, verdankt es allein seiner geistigen Überlegen- 
heit, die es befähigt, über eine ungeheuere Übermacht bevorzugter, 
gehässiger, neidischer Rivalen im geistigen Wettkampf zu siegen. — 



40 



Der moderne Antisemitismus ist eine der vielen Reaktions- 
erscheinungen des Mittelmäßigen gegen das Hervorragende; ist eine 
neuzeitliche Form des Ostrakismus, angewandt gegen ein ganzes 
Volk. Als Volk erlebt das Judentum den ewigen Kampf der Quantität 
gegen die Qualität, minderwertiger Gruppen gegen höherwertige Indi- 
viduen, minderwertiger Majoritäten gegen höherwertige Minoritäten. 

Die Hauptwurzeln des Antisemitismus sind Beschränktheit 
und Neid: Beschränktheit im Religiösen oder im Wissenschaft- 
lichen; Neid im Geistigen oder im Wirtschaftlichen. 

Dadurch daß sie aus einer internationalen Religionsgemeinschaft, 
nicht aus einer lokalen Rasse hervorgegangen sind, sind die Juden 
das Volk der stärksten Blutmischung; dadurch daß sie sich seit 
einem Jahrtausend gegen die übrigen Völker abschließen, sind sie 
das Volk stärkster Inzucht. So vereinigen, wie beim Hochadel, 
die Auserwählten unter ihnen Willensstärke mit Geistesschärfe, 
während ein anderer Teil der Juden die Mängel der Inzucht mit 
denen der Blutmischung verbindet: Charakterlosigkeit mit Be- 
schränktheit. Hier findet sich heiligste Selbstaufopferung neben 
beschränktester Selbstsucht, reinster Idealismus neben krassestem 
Materialismus. Auch hier bestätigt sich die Regel: je gemischter 
ein Volk, desto unähnlicher sind seine Repräsentanten unterein- 
ander, desto unmöglicher ist es, einen Einheitstypus zu konstruieren. 

Wo viel Licht, da ist viel Schatten. Geniale Familien weisen 
einen höheren Prozentsatz an Irrsinnigen und Verbrechern auf, als 
Mittelmäßige; das gilt auch von Völkern. Nicht bloß die 
revolutionäre Geistesaristokratie von morgen — auch die pluto- 
kratische Schieber-Kakistokratie von heute rekrutiert sich vor- 
nehmlich aus Juden : und schärft so die agitatorischen Waffen des 
Antisemitismus. — 

Tausendjährige Sklaverei hat den Juden, mit seltenen Ausnahmen, 
die Geste des Herrenmenschen genommen. Dauernde Unterdrückung 
hemmt Persönlichkeitsentfaltung: und nimmt damit ein Hauptelement 
des ästhetischen Adelsideals. An diesem Mangel leidet, physisch 
wie psychisch, ein Großteil des Judentums; dieser Mangel ist die 
Hauptursache, daß der europäische Instinkt sich dagegen sträubt, 
das Judentum als Adelsrasse anzuerkennen. 

Das Ressentiment, mit dem die Unterdrückung das Judentum 
belastet hat, gibt ihm viel vitale Spannung; nimmt ihm dafür viel 



41 



Vornehme Harmonie. Übertriebene Inzucht, verbunden mit der 
Hyperurbanität der Ghetto -Vergangenheit, hatte manche Züge 
physischer und psychischer Dekadenz im Gefolge. Was der Kopf 
der Juden gewann, hat oft ihr Körper verloren; was ihr Hirn 
gewann, hat ihr Nervensystem verloren. 

So leidet das Judentum an einer Hypertrophie des Hirnes 
und stellt sich so in Gegensatz zur adeligen Forderung harmonischer 
Persönlichkeitsentfaltung. Die körperliche und nervöse Schwäche 
vieler geistig hervorragender Juden zeitigt einen Mangel an phy- 
sischem Mut (oft in Verbindung mit höchstem moralischen Mut) 
und eine Unsicherheit des Auftretens: Eigenschaften, die heute noch 
mit dem ritterlichen Ideal des Adelsmenschen unvereinbar erscheinen. 

So hat das geistige Herrenvolk der Juden unter Zügen 
des Sklavenmenschen zu leiden, die ihm seine historische 
Entwicklung aufgeprägt hat: noch heute tragen viele jüdische 
Führerpersönlichkeiten Haltung und Geste des unfreien, unter- 
drückten Menschen. In ihren Gesten sind herabgekommene Aristo- 
kraten oft adeliger als hervorragende Juden. 

Diese Mängel des Judentums, durch die Entwicklung entstanden, 
werden durch die Entwicklung wieder verschwinden. Die Rustikali- 
sierung des Judentums (ein Hauptziel des Zionismus), verbunden 
mit sportlicher Erziehung, wird das Judentum vom Ghetto-Rest, 
den es heute noch in sich trägt, befreien. Daß dies möglich ist, 
beweist die Entwicklung des amerikanischen Judentums. Der fak- 
tischen Freiheit und Macht, die das Judentum errungen hat, wird 
das Bewußtsein derselben, dem Bewußtsein allmählich Haltung 
und Geste des freien, mächtigen Menschen folgen. 

Nicht nur das Judentum wird sich in der Richtung des west- 
lichen Adelsideals wandeln — auch das westliche Adelsideal wird 
eine Wandlung erfahren, die dem Judentum auf halbem Wege 
entgegenkommt. In einem friedlicheren Europa der Zukunft wird 
der Adel seinen kriegerischen Charakter abstreifen und mit einem 
geistig-priesterlichen vertauschen. Ein pazifiziertes und soziali- 
siertes Abendland wird keine Gebieter und Herrscher mehr brauchen — 
nur Führer, Erzieher, Vorbilder. In einem orientalischen Europa 
wird der Zukunftsaristokrat mehr einem Brahmanen und Mandarin 
gleichen, als einem Ritter. — 



42 



Ausblick. 



Der Adelsmensch der Zukunft wird weder feudal noch jüdisch, 
weder bürgerlich noch proletarisch: er wird synthetisch sein. 
Die Rassen und Klassen im heutigen Sinne werden verschwinden, 
die Persönlichkeiten bleiben. 

Erst durch Verbindung mit bestem Bürgerblut werden die ent- 
wicklungsfähigen Elemente einstigen Feudaladels sich zu neuer 
Blüte emporringen; erst durch Vereinigung mit den Gipfeln nicht- 
jüdischen Europäertums wird das jüdische Element des Zukunfts- 
adels zur vollen Entfaltung gelangen. Den auserwählten Menschen 
der Zukunft mag ein physisch hochgezüchteter Rustikaladel 
vollendete Körper und Gesten, ein geistig hochgebildeter Urban- 
adel vergeistigte Physiognomien, durchseelte Augen und Hände 
schenken. — 

Der Adel der Vergangenheit war aufgebaut auf Quantität: 
der feudale auf die Zahl der Ahnen; der plutokratische auf die 
Zahl der Millionen. Der Adel der Zukunft wird auf Qualität 
beruhen: auf persönlichem Wert, persönlicher Vollkommenheit; auf 
Vollendung des Leibes, der Seele, des Geistes. 

Heute, an der Schwelle eines neuen Zeitalters, tritt an die Stelle 
des einstigen Erbadels ein Zufallsadel; statt Adelsrassen adelige 
Individuen: Menschen, deren zufällige Blutzusammensetzung sie zu 
vorbildlichen Typen erhebt. 

Aus diesem Zufallsadel von heute wird die neue internationale und 
intersoziale Adelsrasse von morgen hervorgehen. Alles Hervorragende 
an Schönheit, Kraft, Energie und Geist wird sich erkennen und zu- 
sammenschließen, nach den geheimen Gesetzen erotischer Attraktion. 
Sind erst einmal die künstlichen Schranken gefallen, die Feudalismus 
und Kapitalismus zwischen den Menschen errichtet haben — dann 
werden automatisch den bedeutendsten Männern die schönsten 
Frauen zufallen, den hervorragendsten Frauen die vollendetsten 
Männer. Je vollkommener dann im Physischen, Psychischen, Geistigen 
ein Mann sein wird — desto größer die Zahl der Frauen, unter 
denen er wird wählen können. Nur den edelsten Männern wird 



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die Verbindung mit den edelsten Frauen freistehen und umgekehrt — 
die Minderwertigen werden sich mit den Minderwertigen zufrieden 
geben müssen. Dann wird die erotische Lebensform der Minder- 
wertigen und Mittelmäßigen Freie Liebe sein, der Auserwählten: 
Freie Ehe. So wird der neue Zuchtadel der Zukunft nicht her- 
vorgehen aus den künstlichen Normen menschlicher Kastenbildung, 
sondern aus den göttlichen Gesetzen erotischer Eugenik. 

Die natürliche Rangordnung menschlicher Vollkommenheit wird 
an die Stelle der künstlichen Rangordnung des Feudalismus und 
Kapitalismus treten. 

Der Sozialismus, der mit der Abschaffung des Adels, mit der 
Nivellierung der Menschheit begann, wird in der Züchtung des 
Adels, in der Differenzierung der Menschheit gipfeln. Hier, in 
der sozialen Eugenik, liegt seine höchste historische Mission, 
die er heute noch nicht erkennt: aus ungerechter Ungleichheit 
über Gleichheit zu gerechter Ungleichheit zu führen, über 
die Trümmer aller Pseudo-Aristokratie zu echtem, neuem Adel. — 



Dem Andenken meines Vaters 
Dr. Heinrich Graf Coudenhove- 
in Verehrung und Dankbarkeit. 



Kaier jji 



Historische Faksimiles - Quellen zur Zeitgeschichte 

Originalgetreue Faksimile-Reproduktionen für Forschungs- 
zwecke, insbesondere zur Ergänzung von Sammlungen! 

Erscheinungsjahr 2005 
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Worte zur Demokratiegeschichte: 



»Heute ist Demokratie Fassade der Pluto- 
kratie: Weil die Völker nackte Plutokratie 
[nackten Kapitalismus] nicht dulden wür- 
den, wird ihnen die nominelle Macht über- 
lassen, während die faktische Macht in den 
Händen der Plutokraten ruht. In republika- 
nischen wie in monarchischen Demokratien 
sind die Staatsmänner Marionetten, die 
Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die 
Richtlinien der Politik, sie beherrschen 
durch Ankauf der öffentlichen Meinung 
die Wähler, durch geschäftliche und gesell- 
schaftliche Beziehungen die Minister.« 

Richard N. Coudenhove-Kalergi: »Adel« 
(1922), Seite 31. 

Dem Verfasser wurde 1950 der erste Europäische 
Karlspreis der Stadt Aachen (noch vor Winston 
Churchill) verliehen. Als man dann 1955 Winston 
Churchill mit dem Karlspreis auszeichnete, bekam 
Richard N r - Coudenhove-Kalergi »wegen besonderer 
Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland« 
das Großkreuz des Bundesverdienstordens. 
Also die höchste Auszeichnung der BRD.